Buchrezension: „Momentaufnahmen. Berlin – Langeoog“ Band 2

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© Foto: Dezember 2015, Buch Momrntaufnahmen Bd. 2, E.J.Tolksdorf.

Opiolla, Mayk D. (2015): Momentaufnahmen. Berlin – Langeoog . (Band 2). Norderstedt: Books on Demand. 108 Seiten. 6,95 Euro.

Zeitgleich wurde diese Rezension auf amazon.de veröffentlicht:http://www.amazon.de/gp/aw/d/3738645306/ref=mp_s_a_1_1?qid=1451490198&sr=8-1&pi=AC_SX220_SY330_FMwebp_QL65&keywords=momentaufnahmen+berlin+langeoog

Bei dem 108seitigen Werk handelt es sich um den zweiten Band von „Momentaufnahmen“ mit 28 neuen „sinnlich-melancholischen Erzählungen“ (Klappentext), die die Erlebnisse und Gedankengänge des Protagonisten im Folgejahr thematisieren. Hierbei spielen insbesondere „große Gefühle, kleine Insel-Alltagsbegebenheiten und Koffer in Berlin“ (Klappentext) eine Rolle, aber auch „Ausflüge nach Flensburg, Norddeich, Wangerooge und (beinahe) Helgoland“ (Klappentext).

Auf eindrucksvolle Weise wird die Leser_innenschaft mitgenommen auf eine Reise sowohl in den Alltag auf der Insel Langeoog, als auch die kleinen außeralltäglichen Momente, die das Leben süßen und würzen. Der Protagonist hat sich entschieden auf der Insel sesshaft zu werden. Dieses wird ihm insbesondere durch den Umzug von der temporären Dienstwohnung in eine feste Eigentumswohnung ganz in der Nähe des geliebten Meeres bewusst. Die detaillierten Insel- und Naturerlebnisbeschreibungen zeigen seine große Liebe zum neuen Zuhause und dem Gefühl des wirklichen „Angekommen seins“. Gleichzeitig aber gibt es überraschende Momente eines Vermissens der Großstadt Berlin. Hierbei waren ganz kleine Alltagsmomente Auslöser dieser Empfindungen. Dem Protagonist wird bewusst, dass er diese Stadt ebenso geliebt hat, auch wenn er sich zuletzt enttäuscht von ihr abgewandt hat. In verschiedenen Beschreibungen nicht nur des Liebsten, sondern auch von Berlin wird deutlich, dass auch die Schattenseiten eine Glanzseite besitzen und umgekehrt. Gerade das macht die Liebe aus, die sich von der Verliebtheit unterscheidet: Die Wahrnehmung nicht nur der schönen, sondern auch der unschönen Seiten, die gleichzeitig angenommen werden. Sein Berlin-Fazit ist jedoch ernüchternd, wenn er schreibt, dass Berlin „ein buntes, blinkendes Karussell der Möglichkeiten [sei], von dem man allerdings irgendwann herunterfliegt, wenn man mit der Drehung nicht mithalten kann“ (S. 93). Hier wird auf den Glanz, die Diversität, die Großartigkeit, aber auch die Schnelllebigkeit und Gefährlichkeit der Stadt angespielt. Aber auch die (ost-)friesischen Inseln sind nicht so „unschuldig“ und „rein“. So entdeckt er auch hier inzwischen kleine Schattenseiten, die eher im Hintergrund bleiben, aber selbstkritisch einer eigenen Romantisierung der Insel(n) entgegenwirken.

Ganz spannend sind hier auch die Ein- und Verflechtung von gesellschafts-historischen Wissen und familiengeschichtlichen Assoziationen, die gerade bei dem Ausflug auf der Insel Wangerooge kurz ein Schaudern hervorrufen. Dieses scheint mir insgesamt eine neue Bereicherung im zweiten Teil zu sein: Hier werden verschiedene aktuelle und historische gesellschaftsrelevante Beobachtungen reflektiert, die zeigen, dass der Protagonist sich keineswegs allein mit seiner eigenen Innen-, sondern auch mit der Außenwelt beschäftigt und hier zu differenzierten persönlichen Erkenntnissen gelangt. Diese Selbst- und Umweltreflexionen sind eine wahre Fundgrube und regen die Leser_innenschaft zum (selbst-)kritischen Denken an.

Es wird auch aufgezeigt, dass er zwar seinen Liebsten noch nicht vergessen hat, aber dabei ist den Liebeskummer gut zu bewältigen. Zwar kommt der Persönlichkeitsanteil des selbsternannten „Sadisten“ noch immer im Hintergrund vor, aber seine Stimme erscheint leiser als im ersten Teil. Denn die gewonnene Gelassenheit, mit der der Protagonist im Umgang mit diesen Selbstzweifeln umgeht, ist wirklich beeindruckend und vorbildhaft. Er integriert die Selbstzweifel in seine Persönlichkeit, lässt sie zu, schneidet sie nicht ab. Zudem sind sie, wie ich finde, ein Teil seines scharfen Verstandes.

So wird an dieser Stelle spätestens wirklich deutlich: Es ist ein Jahr vergangen und es ist mehr Distanz zu den Geschehnissen eingetreten und die gepflegte Selbstliebe hat gefruchtet und fruchtet weiterhin. So ist es wirklich herzergreifend den Protagonisten in euphorischen Glücksmomenten zu erleben, in denen der Liebste keine wirkliche Rolle mehr zu spielen scheint. Auch die enttäuschte Liebe macht plötzlich Sinn: Ohne diese Enttäuschung hätte er seinen Lebenstraum und dieses unbeschreibliche Lebensglück, das sich in kleinen Momenten zeigt, niemals erleben dürfen. Implizit wird auch deutlich, wie weit entfernt doch die Wünsche und Ziele von ihm und dem Liebsten eigentlich sind. Der Geliebte scheint sich nämlich in der Großstadt pudelwohl zu fühlen und gar kein großartiges Bedürfnis nach Sesshaftigkeit in der alten Heimat an der Nordsee zu haben. Das zeigt sich insbesondere in Gedankengängen, in denen der Protagonist ganz fasziniert von alten „Spelunken“ ist, aber auch deutlich macht, dass der Geliebte hierzu gar keinen derartigen Zugang hätte. Diese Realisierungen erscheinen aber weniger schmerzhaft, sondern werden mit einem erfrischenden Humor und einem Anerkennen der Unterschiedlichkeit beider Charaktere zur Kenntnis genommen.

Auf der einen Seite erscheint der Protagonist sehr feinfühlig und sensitiv seine Umgebung, die Natur und Mitmenschen zu erleben, von der er immer auch ein Stück Distanz benötigt. Sehr berührt haben mich auch die Explikationen von Schamgefühlen und negativen Emotionen. Ganz normale menschliche Gefühle, die in den meisten Momenten und bei den meisten Menschen eher unausgesprochen bleiben. Eine für mich sehr ansprechende Botschaft war auch, dass das manchmal freiwillig gewählte Alleinsein keineswegs Einsamkeit bedeutet, aber dass erzwungene Geselligkeit und falsche Gesellschaft zu einem unerträglichen Einsamkeitsgefühl führen können. Hier zeigt sich die charakterliche Stärke des Alleine-sein-könnens: Durch Kreativität werden die Momente des Mit-sich-selbst-sein-dürfens unfassbar schön. In diesem zweiten Band zeigt sich wie stark nun ein Bewusstsein über die Fähigkeit zum Genuss eingetreten ist. Der Protagonist scheint sich über sein eigenes Facettenreichtum und seiner inneren Stärke bewusst geworden zu sein.

Auch in diesem zweiten Band zeigt sich an verschiedenen Stellen ein ganz spezieller trockener, herber Humor, der das Buch zu einem lesenswerten Unikat macht. Durch die angenehme Kürze der Bände sind sie sehr empfehlenswert als (Kurz-)Urlaubslektüre oder Schmöker für zwischendurch. Ich persönlich habe dieses Buch wieder mal in 1,5 Tagen „verschlungen“ und habe sehr viel daraus für mich gezogen und konnte mich an einigen Stellen selbst wieder erkennen :-).

© December 2015 E.J. Tolksdorf

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