Binarität (2016)

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© Foto: September 2014, Ententeich im Park in Wyk auf der Insel Föhr, E.J.Tolksdorf.

Zeiten ändern sich.

Menschen ändern sich.

Körper ändern sich.

Bald ist es soweit.

 

Oft fragtest du.

„Macht es einen Unterschied?“

Stets verneinte ich.

Mensch bleibt Mensch.

„Ich liebe den Menschen, nicht sein Geschlecht“ heißt es.

Warum nicht:

„Ich liebe den Menschen UND das jeweilige Geschlecht/Gender“.

Frag ich mich.

 

Du hast dich entschieden.

Gemeinsam gehen wir den Weg.

Stehen durch, was durchzustehen ist.

Ohne Drama, baby.

 

Ich verstehe Eure binären Grenzen und Erwartungen nicht.

Sie sind nicht meine.

Einschränkend sind sie für uns alle.

Priviligieren sie nur die Reproduktivität.

Beschneiden dazu die Menschlichkeit.

Die Vielfalt menschlichen Begehrens und des Genderausdrucks.

Der kreativen Möglichkeiten des ICHs.

Sich frei zu entfalten.

 

Abgestorben.

Verworfen.

Belächelt.

Beschämt.

Verdrängt in die hinterste Ecke des Unterbewußtseins.

Mit gewaltsamen Worten und Taten zerstört.

Um der Einfalt und der Anerkennung Willen.

Und der Reproduktivität.

So formt sie ihre binären Subjekte.

Sie fühlen sich „so natürlich“.

Lieben „so natürlich“.

In Verachtung allem Künstlichen, Kulturellem und Kreativem.

Allem was Anders ist und Anders sein möchte.

Stets nur die Normalität wollend.

Der Anerkennung und Ruhe wegen.

 

Manchmal auch.

Liebevoll verachtend.

Mit scheinbarer Toleranz.

Mit überraschten Gesichtern.

Mit sensationsgieriger Neugierde.

Mit im Hintergrund lästernden Mäulern.

Mit allgegenwärtig spürbarer Beobachtung und Kommentierung.

Mit biologistischen und religiösen Argumentationen.

„Lass gut sein! Nein, danke!“

Wende ich mich traurig ab.

Innerlich wütend.

Aber zu langsam in der Reaktion.

Das Nichtdenkbare ist so schwer zu vermitteln.

Unsagbar bleibt es schweigend im Hintergrund.

Erdrückt von der Macht Eurer omnipräsenten Worte, Handlungen und Gedanken.

Ziehte ich es vor lieber zu schweigen.

Lieber zu beobachten.

Ihr würdet nicht verstehen.

Oder es wird zu intim.

Zu nah.

„Bist du ein Junge oder Mädchen?“ fragte mich ein 12jähriges Mädchen, dass mich offensichtlich als süss empfand.

Ich verstummte. Genoss den Augenblick der Möglichkeiten und Lesarten meines Selbst.

Im Club sehe ich in einem Moment all‘ die Menschen. Die jungen Männer und Frauen. Wie es mich traurig stimmt die Leichtigkeit ihres Begehrens und Flirtens miteinander zu beobachten. Wie einfach es doch für sie alles erscheint. Ich rappel mich wieder auf. Im nächsten Augenblick werde ich tatsächlich angesprochen von einem Mann, der mich süß findet. Ich bin erstaunt und fasziniert. Doch als wen sieht er mich? Sieht er mich, wie ich bin?

„Bist du ein Mann oder eine Frau?“ fragt mich ein betrunkener junger Mensch an der Ampel. „Ist doch egal, oder?“ antwortet mein erwachsenes Ich selbstbewusst. „Stimmt!“ antwortet er.

„Hast du einen Pimmel?“ fragt ein Mitbewohner einer Freundin im zweiten Satz bei einem gemütlichen Kennenlernen in der Kneipe von nebenan.

„Bist Du ’ne Lesbe?“ denkt gefühlt jede zweite Person.

„Ich bin mehr als du denkst und glaubst“ erwider ich innerlich, manchmal auch äußerlich.

Lass gut sein.

Ich bin Ich.

© January 2016 E.J. Tolksdorf

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. criticalpixie · Januar 23, 2016

    Toll geschrieben!!!

    Gefällt 1 Person

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