Therapeutische Naturbetrachtungen (5/5)

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Am Gipfel angekommen. Euphorie. Welch‘ wunderschöne Aussicht auf die malerische Landschaft des Alpengebirges. Der Alpensee so klar und unglaublich tiefgehend. Die Berge verschmelzen mit den Wolken. Ein größenwahnsinniges „Luftschloss“ wurde an dieser Stelle errichtet. Von diesem schaue ich herab. Mit mir zusammen all‘ die internationalen Tourist_innen. Kaum wurde es als Wohnsitz genutzt. Die Führung durch Schloss Neuschwanstein ist in 30 Minuten vorbei. Viel wurde von dir gesprochen als ich mit 16 Jahren ein Jahr in den USA verbrachte und mein High School Abschluss machte. Neben Hitler, Nazis, Volkswagen („Wolgswagen“), Sauerkraut, Heidelberg etc. warst auch du ein Begriff und Ort nach dem ich in Virginia ständig gefragt wurde: „Ihr lebt doch sicher alle in Schlössern, oder?“ wurde ich von einem Mitschüler gefragt. Amüsiert und erschrocken zugleich über diese Frage musste ich das verneinen und etwas Aufklärungsarbeit tätigen, wie mensch sich das alltägliche Leben hier vorstellen kann. Und dass es gar nicht so anders, adelig und märchenhaft ist. Gleichzeitig wurde mir bewusst dass ich diesen Tourist_innenmagnet bisher noch gar nicht beachtet hatte. Ein familiärer Tagesausflug  machte es schließlich mit doppeltem Alter möglich mich dieser idealisierten Traum- und Wunschvorstellung meines jugendlichen Schulfreundes zu stellen. Im Souvenirshop des Schlosses sehe ich kitschig übersteigerte Ansichtskarten, die eine heile, märchenhafte Traumwelt vorgaukeln. Manche Menschen leben ihr ganzes Leben in der Sehnsucht nach dieser Art von fantastischer Märchenschlossidylle. Die Konfrontation mit der Realität wird gemieden. Es könnte das Wunsch- und Traumdenken zerstören, an dem festgehalten wird. Genauso schwer ist es stereotypes Denken zu brechen. Ich erhalte ungläubige und erstaunte Rückfragen von meinem Buddy. Langfristig halten sich die absurdesten Mythen. Es war schön dich mal gesehen zu haben. Ich genieße noch eine Weile den Ausblick und die klare Luft hier oben. Die Anstrengung des Gipfel Erklimmens zu Fuß (statt mit dem schnellen Tourist_innenbus zu fahren) tat gut. Nun geht es wieder Berg ab und zurück in den Norden, wo der Alltag und die Realität wartet.

© Foto: E.J.Tolksdorf, Ausblick vom Balkon des (Luft-)Schloss Neuschwanstein 2014.

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