Bedürfnisse

In extremen Stresssituationen, bei depressiven Episoden und bei Burn-Out Symptomen kann es passieren, dass das eigene Gespür für Grundbedürfnisse temporär verloren geht. Wenn der Blick immer nur auf andere Personen und nach außen gerichtet ist kann es zudem passieren dass die Selbstversorgung leidet. Manche Menschen haben nie gelernt sich auf sich selbst und eigene Bedürfnisse zu fokussieren. Oder auch einfach mal innezuhalten und Pause zu machen. Das steigert eine chronische Unzufriedenheit mit sich selbst und anderen. Auch z.B. essgestörte, arbeitssüchtige und sehr kopflastige Menschen neigen dazu Signale und Basisbedürfnisse Ihres Körpers potentiell zu ignorieren. Die langfristige Vernachlässigung von körperlichen, emotionalen und sozialen Grundbedürfnissen kann wiederum zu psychischen Verstimmungen führen oder diese verstärken. So schließt sich der Teufelskreis. Daher heute mal eine kleine Erinnerungsaufzählung von Bedürfnissen. Wenn alles gefühlt nach Katastrophe aussieht macht es Sinn sich erstmal zu vergewissern, ob mensch sich um grundlegende körperliche und emotionale Bedürfnisse bereits gekümmert hat. Manchmal kann sich dadurch schon der akute Zustand etwas verbessern. Ganz zu schweigen davon dass wenn es einem mal richtig schlecht geht das „Back to Basics“ eine wohltuende Ablenkung von anderen Problemen sein kann, die nicht gleich lösbar erscheinen. Aber ja mit einem guten Essen, einem Spaziergang an der frischen Luft oder einem Gespräch mit eine_r gute_n Freund_in kann sich so manche apokalyptische Katastrophe auch in ein überschaubares Problem verwandeln. Weil eine neue Perspektive oder Stimmung entstanden ist und der Tunnelblick auf’s Negative zumindest für einen Moment durchbrochen werden konnte. Daher ist die grundlegende Frage an sich selbst: „Was brauche ich eigentlich?“

Welche dieser Bedürfnisse hast du heute ausreichend bis gut befriedigt? Welchen bist du nicht nachgegangen und welche werden dauerhaft vernachlässigt? Wie kannst du deinen Bedürfnissen in einem realistischen Umfang nachgehen?

Nimm dir mal Zeit zur Selbstreflektion. Hier eine unfertige und unsortierte Bedürfnis-Liste:

1. Regelmäßiges ausgewogenes Essen
2. Trinken und Wasserzufuhr
3. Sauerstoff und Frischluft
4. Licht und Sonne
5. Bewegung und Sport
6. Temperatur: Wärme bzw. Erfrischung
7. Schutz und Sicherheit
8. Sauberkeit, Hygiene und Pflege
9. Ordnung/Organisation vs. Kreatives Chaos
10. Sozialkontakte, Freundschaften und (Wahl-) Familie
11. Liebe, emotionale Zuwendung und Sexualität
12. Pausen & Auszeiten: Ruhe, Entspannung, Erholung und  Gelassenheit
13. Aufregung und Neues Entdecken
14. Gewohnheiten und eigene Rituale
15. Eigene Belohnungen und Wertschätzungen für kleine und große Erfolge
16. Eigene Grenzen setzen, ernstnehmen, durchsetzen und verteidigen: Priorisierung, Zielsetzung und Fokus
17. Arbeit (Existenzgrundlage und Sinnstiftung), sinnvolle Tätigkeiten, positiver Stress, sich selbst fordern und Leistungsfähigkeit
18. Umsicht, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit
19. Freiräume für eigene Selbstreflektion und Träume
20. Kreatives, Ästhetisches, Kulturelles, Interessen und Hobbies
21. Gesellschaftliches und politisches Engagement, Teilhabe und Gestaltung

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Glatter Abschied (2016)

Nichts hält mich.
Ich will raus.
Eine Reise muss jetzt sein.
Tapetenwechsel.
Du bist teuer, aber ich brauch‘ dich jetzt!

Highlights im Jahr!
Wie genoß ich es.
Aber nichts ist wie es war.
Alles hat sich verändert.

Die Menschen und Orte.
Sie sind nicht mehr wie ich sie kenne.
Das Band zwischen uns.
Es ist einseitig und brüchig geworden.
Missverständnisse und falsche gegenseitige Einschätzungen zeigen wie fremd wir einander geworden sind.
Dass wir uns gar nicht (mehr) kennen.
Unflexibel geworden sind.
Die gewonnenen Bilder über dich und mich zu erneuern.

Spuren.
Eingefahren.
Betoniert.
Stillstand.

All‘ die Jahre.
Schnell vergangen.
Jetzt schau ich zurück.
Wo ist das Leben?

Durcheinander gewirbelt.
Aufgebrochen.
Die Freude kehrt zurück.
Glücksmomente der Leichtigkeit.

Schwere des Alltags.
Bleib mir fern.
Tapetenwechsel.
Du tust mir so gut.

Sicherheit.
Was bringst du mir?
Vertrautheit.
Worauf stütze ich?

Mut und Trauer.
Liegen eng zusammen.
Manches passt nicht mehr zu mir.
Es tut mir leid und weh zugleich.

Menschen loslassen.
Die einem viel bedeutet haben.
Fällt schwer.
Befreit zugleich.

So manche Enttäuschung angestaut.
Neuen Blick auf dich gewonnen.
Die Wut und Kälte in mir stieg auf.
Du ahntest nichts.
Hast dich durch meine Fassade blenden lassen.

Deine Gleichgültigkeit.
Unerträglich.
Dein Desinteresse.
Sticht.
Deine Unentschlossenheit.
Nervig.
Deine Feigheit.
Offensichtlich.
Deine Kommunikationsunfähigkeit.
Unreif.
Dein Streben nach Aufmerksamkeit.
Narzißtisch.
Unfähig zu Nähe jeglicher Art.
Panisch.
Deine mangelnde Priorisierung.
Verletzt.

I am so over this.
So fed up with this.
Last chance.
Then I let go.

Ein glatter Abschied.
The last dinner.
Inszeniert.
Du nichtsahnend.
Im Glauben es sei alles in Ordnung.
Aber nein, das ist es nicht (mehr).

Lass dich weiter treiben vom Leben.
Beobachten möchte ich den Verlauf Deines selbst gewählten Unglücks aber nicht.

Leb‘ wohl!

Weg der Verantwortungsübernahme

Psychische Leiden und ungesunde Dynamiken werden von Generationen zu Generationen auf einer unbewussten Ebene weitertradiert. Der Schritt zur Psychotherapie ist ein Weg der Veranwortungsübernahme für den eigenen Gefühlshaushalt. Durch das Erlernen von Selbstreflexion, Bedürfnisartikulation und Verantwortungsübernahme von Lebensentscheidungen ist es wahrscheinlicher die ungesunden Dynamiken und Fehler vergangener Generationen nicht unnötig zu wiederholen und zu reproduzieren.

Viele therapiebedürftige Personen entscheiden sich dennoch immer wieder gegen die Aufnahme einer Therapie. Ob aus Stolz, Unreflektiertheit, Bequemlichkeit und Unwillen an sich selbst zu arbeiten. Für das Umfeld ist es offensichtlich, aber die Personen scheinen nicht genügend Leidensdruck zu verspüren. Es ist einfacher anderen Menschen die Verantwortung für den eigenen Gefühlshaushalt zu übertragen als sich um eine bewusste Veränderung des Selbst zu bemühen. Großen Respekt gebührt den Menschen, die den Weg einer Psychotherapie wagen und die keine Mühen scheuen es im Leben anders und besser machen zu wollen als z.B. wie die eigenen Eltern in gewissen Situationen gelebt und gehandelt haben. Leiden muss nicht unnötig reproduziert werden.

Wer bereits Probleme hat das eigene Leben auf die Reihe zu bekommen sollte m.E. sich genau überlegen ob er_sie Kinder in die Welt setzt. Es ist verantwortungslos es in einer instabilen Situation einfach „passieren zu lassen“. Ich komme gerade zurück von einer Reise bei der ich mich von einer langjährigen Freundschaft getrennt habe, weil der Mensch zur Kommunikation seiner Bedürfnisse nicht in der Lage erscheint. Stattdessen inszeniert die Person Situationen, verdreht Tatsachen und legt es sich so zurecht um die Aufmerksamkeit anderer und Vorteile zu genießen, aber möglichst wenig zurückzugeben. Es folgen Projektionen und Abwehrreaktionen. Menschen, die zu nah kommen und mit einer Klarheit und Entschlossenheit kommunizieren, werden auf Abstand und in anstrengender Unverbindlichkeit gehalten. Es wird preferiert in einer Unklarheit zu bleiben und dadurch stets andere Menschen zu verstricken und Leiden zu maximieren. Auf dieser Reise musste ich erkennen dass diese Art von Kontakt keine Basis mehr hat. Ich bevorzuge Klarheit, Direktheit, Vertrauen und Reflexion im Kontakt mit Menschen.

An manchen Punkten merke ich in Kontakten, dass ich einfach an einem anderen Punkt im Leben als andere Menschen stehe. Es passt dann nicht mehr zusammen, was früher vielleicht einmal zu harmonieren schien. Menschen entwickeln sich in verschiedene Richtungen. Ein therapeutischer Rahmen ist ein ungemein wertvoller Raum in der solche Reflexionen und Lebensentscheidungen reifen können. Tut diese Person, dieser Job, das Klima in der schulischen Clique etc. mir noch gut? Wie kann ich mich anders verhalten? Aber wo sind die Grenzen der Machbarkeit? An welcher Stelle macht es keinen Sinn mehr? Wie kann ich gesunden Abstand halten? Wie kann ich Bedürfnisse artikulieren und Lebensentscheidungen so treffen, dass ich mich nicht unbewusst ständig ins Unglück stürze?

Sei unromantisch (2016)

FB_IMG_1454477944243Foto: Romantischer Sonnenuntergang auf Wangerooge, E.J.Tolksdorf.

Allgegenwärtige Schmonzetten des perfekten heterosexuellen Paares und der perfekten Kleinfamilie in Filmen aus Fernsehen, der Onlinevideothek und im Kino.

Ich bin äußerst genervt und wütend.

Waren es wirklich Personen, die mir früher langjährigen Liebeskummer, Eifersucht und Schmerzen bereitet haben?

Oder doch nur die überzogenen und zwanghaft anmutenden Erwartungen und seltsame enge Vorstellungen an Liebe, Partnerschaft und Familie? Die durch die Sozialisation bedingte Einverleibung des romantischen und familiären Ideals von Zweierbeziehung und Kleinfamilie? Wie die Dinge sein sollten, aber nicht sind? Die unerlernte mangelnde Fähigkeit darüber hinauszuschauen, zu verhandeln und Neues zu wagen?

Ich bin schon lange nicht mehr wütend auf alte Lieben, aber wütend auf diese Verklärung von schönen und intensiven menschlichen Begegnungen, Momenten und Beziehungen.

Seien wir mal ehrlich: Wem bringt das was? Wen macht sowas glücklich?

Das romantische Ideal hat mir all‘ die Jahre meiner Jugend und des jungen Erwachsenseins mehr geschadet als dass es mich glücklich, selbstbewusst, stark und unabhängig gemacht hat. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit, denke ich mir rückblickend!

Was ist eigentlich so attraktiv an den Schnulzen des „für immer und ewig“ und des „Wartens auf den oder die Richtige?“?

Manche scheitern genau daran. Sie finden nie diese Person. Sie bleiben gefangen in ihren Komplexen „Ich bin unattraktiv“, „mich liebt niemand“, „ich falle nicht genug auf für die Liebe auf den ersten Blick“. Sie verzichten möglicherweise gar komplett auf Beziehungen und (un-)verbindliche sexuelle Beglückungen in ihrer realitätsfernen, überbordenden Sehnsucht und großen Erwartungshaltung nach dem idealisierten Gegenüber. Dem Traummann. Der Traumfrau. Dem Traummenschen.

Hilfe! Das kann ja niemand erfüllen.

Dennoch: Das romantische Ideal gilt als unantastbar und heilig! Überall. Ob im Smalltalk unter Kolleg_innen oder unter alten Freund_innen.

Das wird nicht kritisch hinterfragt, sondern stets verehrt am Altar der heteronormativen Vorstellungen.

Und ja: Dann doch lieber in Selbstmitleid und Kummer suhlen.

Ansonsten müsste mensch vielleicht noch gar an sich arbeiten? Etwas am eigenen Leben grundlegend ändern? Sich selbst glücklich machen statt darauf zu warten dass andere es tun und „Wunscherfüller_in“ spielen müssen.

Sie träumen ihr Leben, aber leben nie ihren Traum. Lassen sich davon nicht beirren und stürzen sich in ihr gewähltes Unglück. Wie furchtbar!

Und ja als alter 90jähriger Mensch mit starken Schmerzen mag es wirklich auch mal etwas schmerzlindernd sein sich in die heile Welt von „Traumschiff“ reinzufühlen und zu fantasieren. Das mag ich den Menschen ja auch gar nicht nehmen.

Aber wenn du jung oder jung geblieben bist (das kann mensch in jedem Alter sein): Dann lebe doch so wie du es willst und verhandele mit anderen, wie mensch leben könnte!

Ob monoamorös, beziehungsanarchisch oder polyamorös. Alles hat seine Berechtigung und Vorzüge. Und alles kann funktionieren mit genügend Vertrauen, guter Absprachen, Ausgleich von Lebensbereichen, Verantwortungsbewusstsein, Anziehungskraft, liebevollem Umgang, Rücksicht, Fairplay und Selbstbewusstsein.

Du kannst offen sein für die Sympathien und Anziehungskräfte, die sich entwickeln. Und für flexible, pragmatische und dennoch gefühlsintensive Bindungen, die nicht zu romantischen „Gefängnissen des Alltags“werden durch die subtile Gewalt ihrer Zwangsvorstellungen. Das geht nämlich auch anders.

Emanzipier‘ dich vom romantischen Ideal und überleg wie es anders gehen könnte. Wie könnte das Leben, Momente, Beziehungen und Sexualität gelebt werden ohne diese ständig verklärend gegenseitig bestätigen zu müssen?

Wie kann unnötiger Schmerz, Eifersucht und chronische Unzufriedenheit und Langeweile vermieden werden?

So dass es befriedigend für alle Beteiligten verlaufen kann?

Mehr Lebensqualität statt Alltagsfrust!

Mehr Genuß und Verhandlung statt romantische und naturalistische Verklärung!

Finde‘ es raus für dich wie du leben magst und kannst.

 

 

Antidiskriminierungshaltung

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Bildquelle: Afropunk T-shirt, http://www.afropunk.com. Das ist einer meiner Lieblingstshirts. Leider nicht ganz billig gewesen ;-).

Gerade für therapeutische Prozesse (ob körperlich oder psychisch) finde ich eine Kultur von Diversität und Akzeptanz verschiedener Lebensstile essentiell. Das ist nicht nur eine private, sondern eine politische und berufliche Haltung, wie ich Menschen begegne und begegnen möchte. Verschiedene Menschen sollen sich mit ihrem „Anders- und Normalsein“ wohl, gesehen, akzeptiert, verstanden und sicher fühlen können in unserer Gesellschaft. Sensibilität, Empathie, Reflektion, ein entspannte, neugierige und offene Haltung und Umgangsweise füreinander sowie eine gesunde Direktheit in der Artikulation und Aushandlung von Bedürfnissen – all‘ das wünsche ich mir im Miteinander. Allerdings muss diese Art und Weise des menschlichen Umgangs erst erlernt und weiter stabilisiert werden. Und ja ich hoffe mein Blog kann auch einen kleinen Beitrag dazu liefern über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und neugierig, offen und kritisch zu sein. Nonkonformität ist wichtig zu erlernen, zu akzeptieren und zu fördern.  Was erscheint erstrebenswert an einer Welt mit glatt gebügelten, angstbesetzten, funktionierenden und autoritätsgläubigen Menschen zu sein? Wie können Menschen zu einem Leben finden, bei dem sie ihre Persönlichkeitsanteile nicht unterdrücken sondern einbringen und leben können ohne verachtliche Blicke zu erhalten?

Gerade in verunsicherten gesellschaftlichen Zeiten ist es ganz wichtig sich politisch zu positionieren. Demokratie- und Diversitätsfeindlichkeit hat auf meiner Blog- und Facebookseite keinen Platz! No Nazis, No Faschism, No AfD, No Pegida.

Ich sage das so deutlich auch weil ich als öffentlich sichtbare pansexuelle und genderqueere (Trans*)Person selbst zu einer Minderheit gehöre, die von den besagten Gruppierungen oder Individuen diskriminiert und in meiner Menschlichkeit abgewertet, de-humanisiert, an den Rand und in die Unsichtbarkeit gedrängt, lächerlich gemacht oder verachtet, potentiell körperlich, sozial und psychisch bedroht wird. Ich bin daher darauf angewiesen dass diese rechten Gesinnungen nicht weiter wachsen und an gesellschaftlicher Macht weiter zugewinnen. Und dass Menschen Widerstand zeigen und diese bedrückende Zunahme einer Atmosphäre der Verbreitung von subtilen Ängsten, Feindlichkeiten, des Neides, von zwischenmenschlicher Kälte und des Geizes nicht für begrüßenswert halten oder schweigend/ignorierend hinnehmen.

Shoppingtipp: Hot Stone Massagesteine

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Heute gibt es noch einen heißen Shoppingtipp von mir ;-). Habe gestern beim Shoppen mit großer Begeisterung Massagesteine mit Kurzanleitung für den phänomenalen Preis von nur 2,95Euro bei „NanuNana“ ergattern können. Nun bin ich sehr gespannt darauf selbst einmal eine Hot Stone Massage auszuprobieren. Werde Euch dann sehr gerne davon berichten :-). Es handelt sich um Lava-Basaltsteine mit einem speziellen Wärmespeicher. Die Massagetechnik stammt aus Indien und soll den Lymphfluss und die Selbstheilungskräfte stimulieren und eine verhärtete Muskulatur auflockern. Dafür werden die Steine in einen Topf mit Wasser gelegt und gekocht, dann die Steine auf ein Handtuch gelegt und getrocknet und abgekühlt bis sie nicht mehr heiß sind. Wahlweise können diese dann auf den Rücken auf die Wirbelsäule senkrecht gelegt werden oder auf den Schulter- und Nackenbereich. Oder aber die Steine werden zwischen die Fußzehen oder auf die Innenseite des Arms und der Handfläche gelegt. Ein bißchen Wellness für zu Hause und zum ganz kleinen Preis ;-).

Persönlichkeitsstile und -anteile („Persönlichkeitsstörungen“)

》Persönlichkeitsstörungen sind schwere Störungen der Persönlichkeit und des Verhaltens, bei denen bestimmte Merkmale der Persönlichkeitsstruktur in besonderer Weise ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst sind. Sie bezeichnen Erlebens- und Verhaltensmuster aufgrund von Entwicklungsbedingungen in der Kindheit und späteren Lebensabschnitten, genetischen Faktoren oder erworbenen Hirnschäden. Diese Verhaltensmuster weichen von einem flexiblen, situationsangemessenen Erleben und Verhalten in charakteristischer Weise ab. Die persönliche und soziale Funktions- und Leistungsfähigkeit ist meistens beeinträchtigt.《 Quelle: Wikipedia „Persönlichkeitsstörungen“, 02.04.2016.

In der psychologischen Diagnostik existiert die Klassifikation der „Persönlichkeitsstörungen“. In wiefern es sinnvoll ist hier von „Störungen“ zu sprechen ist jedoch sehr umstritten. So halten viele Psychotherapeut_innen es für wenig sinnvoll Menschen als „persönlichkeitsgestört“ abzustempeln. Dieser Stempel suggeriert nämlich auch eine gewisse Starrheit und Unflexibilität in der Persönlichkeit, also auch eine Lernunfähigkeit bzw. eingeschränkte Therapierbarkeit von Patient_innen. Es wird daher auch diskutiert wie sinnvoll es eigentlich ist Patient_innen mit dieser Diagnose zu konfrontieren. Das Problem ist dass durch die Diagnose eine Verunsicherung und schlimmstenfalls eine Resignation und Hoffnungslosigkeit bezüglich der eigenen Therapierbarkeit gefördert werden kann. Daher meiden manche Psychotherapeut_innen sogar gänzlich das Aussprechen der Diagnose einer sogenannten „Persönlichkeitsstörung“ zum Zwecke der besseren Therapierbarkeit. Insgesamt ist davon auszugehen dass im gewissen Maße jede_r Mensch bestimmte Persönlichkeitsstile und -anteile in unterschiedlicher Weise in sich trägt. Auf eine Persönlichkeitsstörung als Mensch komplett reduziert zu werden ist daher auch unmenschlich und fördert nicht das menschliche Miteinander und Verständnis füreinander. Zudem ist es tendenziell sehr gefährlich wenn Menschen möglicherweise bewusst unethische Handlungen auf Ihre Persönlichkeitsstörung schieben und dadurch keine Eigenverantwortung mehr bezüglich ihrer Lebensentscheidungen und zwischenmenschlichen Umgangsweisen treffen. Daher helfen Diagnostiken zwar menschliches Verhalten nachzuvollziehen, aber sie sollten nicht als Ent-Schuldigung gelten für dauerhaftes absichtsvolles Fehlverhalten. Zudem ist auch kritisch zu betrachten, dass nicht-konformes Sozialverhalten schnell das Etikett „gestört“ erhält. Anstatt Kritik aufzunehmen oder sich mit einer kritischen, innovativen und ungewöhnlichen Sichtweise auseinanderzusetzen, werden Menschen lieber schnell als „verrückt“ abgewertet. Oftmals erscheint aber ja ein rein angepasstes konformes Verhalten, das stets auf „Normalität“ bedacht ist, eher als verrückt als wenn Menschen zu ihren (oft nicht selbst verursachten!) Verrücktheiten stehen und sich dabei menschlich, feinfühlig und selbstbewusst zeigen.

Trotz dieser berechtigten Kritikpunkte an dem psychologischen Konstrukt und der Praxis von Zuschreibungen erscheint es mir äußerst sinnvoll zu sein sich mit dem Thema „Persönlichkeitsanteilen/Persönlichkeitsstörungen“ auseinanderzusetzen, gerade auch wenn mensch beruflich oder privat sehr viel Umgang mit anderen Menschen pflegt. Manche Verhaltensweisen haben nicht viel mit der Interaktion selbst zu tun, sondern mit durch Sozialisation und unschöne Erlebnisse bedingten Persönlichkeitsdynamiken, die z.T. zu einem sehr unangemessenem und auffallenden Verhalten führen können. Manchmal ist es dann sinnvoll Abstand zu dem mehr oder weniger extrem unangemessenen Verhalten zu bekommen, um Dinge nicht allzu persönlich zu nehmen, sondern zu wissen: „Das hat mehr mit der Person, als mit mir oder der Situation zu tun! Das ist jetzt eine Projektion.“. Durch diese Reflektionsebene gelingt es manche Dinge nicht allzu persönlich zu nehmen und überzogene Verhaltensweisen mit Abstand und Gelassenheit zu betrachten.

Der Aufbau einer distanzierteren Perspektive ist insbesondere für Angehörige von Personen erforderlich, die sehr extreme Ausprägungen von Persönlichkeitsanteilen in sich tragen. Unter Angehörigen, Partner_innen und Freund_innen finden sich nicht selten ungesunde Co-Abhängigkeits-Beziehungsdynamikem, die es zu reflektieren gilt. Co-Abhängigkeit, Helfersyndrom, Depression und Burnout-Symptomatiken greifen dabei bei Angehörigen öfter ineinander. Selten jedoch gelingt es co-abhängigen Angehörigen zur Einsicht, dass sie selbst therapiebedürftig sind. Sie sollten jedoch über ihrer eigene Therapiebedürftigkeit unbedingt reflektieren, sofern sie Interesse an ihrer psychischen Gesundheit/Genesung und den Aufbau von gesunden zwischenmenschlichen Beziehungen haben. Für Angehörige von Co-Abhängigen wiederum kann es sehr frustrierend und nervenaufreibend sein mit anzusehen, dass diese keine tiefergehende Einsicht und Konsequenzen aus destruktiven, dysfunktionalen Abhängigkeitsbeziehungen ziehen. Dadurch kann eine ungesunde Co-Abhängigkeitsdynamik mit Co-Abhängigen entstehen.

Warum verbleibt ein Mensch über Jahrzehnte bei einem_einer psychisch und physisch gewalttätigen und streitsüchtigen Partner_in (Coabhängigkeit und antisoziale/dissoziale Persönlichkeit)? Warum lässt sich ein Mensch von seine_m extrem misstrauischen Partner_in aufgrund einer fixen paranoiden Eifersuchtsidee kontrollieren und sich in seiner persönlichen Entfaltung und Freiheit nach und nach einschränken (paranoide Persönlichkeit)? Warum verbleiben manche Menschen in anstrengenden und arroganten Macht- und Statuskämpfen im sozialen Kontakt wo eigentlich Empathie und Sensibilität erforderlich und angemessen wäre (narzißtische Persönlichkeit)? Warum gelingt es Personen nicht die Angst vor der Peinlichkeit und eigenen Komplexen im sozialen Kontakt zu überwinden?Durch ihr ängstlich-vermeidenes Verhalten nehmen sie lieber ein sich-selbst-bestätigendes oder-prophezeihendes Versagen in beruflichen und privaten Zusammenhängen in Kauf anstatt an sich selbst zu arbeiten und sich glücklich zu machen (ängstliche oder ängstlich-vermeidende Persönlichkeit). Warum verbleiben Personen äußerst distanziert in einer pessimistischen Einzelgänger_innen-Position und schaffen es nicht ein emotionales inneres Band selbst zu nahestehenden Mitmenschen aufzubauen (schizoide Persönlichkeit)? Warum gelingt es Menschen trotz unzähliger Psychiatrieaufenthalte nicht stabile Beziehungen mit einem ausgewogenen Nähe/Distanz-Verhältnis aufzubauen. Warum bringen sie sich immer wieder in selbstdestruktive Situationen (emotional instabile bzw. Borderline Persönlichkeit)? Warum setzen sich manche Mensch permanent hoch dramatisierend und stilisierend z.B. immer wieder als „Opfer“ einer Situation in Szene, um Vorteile und Aufmerksamkeit aus der Situation zu ziehen (histronische Persönlichkeit und/oder narzißtische Persönlichkeit)? Andere Menschen tragen wiederum einen zwanghaften Perfektionismus und starke Leistungsorientierung in sich inklusive sich-selbst-zermartenden Selbstzweifeln und Gewissenhaftigkeit, Kontrollverhalten, Starrheit, Kühlheit und Unflexibilität im Umgang mit ihren Mitmenschen. Warum gelingt es diesen Menschen nicht Abstand von ihren hohen Ansprüchen und ihrer Strenge mit sich selbst und gegenüber anderen Menschen zu gewinnen (anankastische/zwanghafte Persönlichkeit)? Warum fällt es anderen Personen wiederum so unglaublich schwer selbstständige Entscheidung in Eigenverantwortung zu treffen? Sie begeben sich lieber in Abhängigkeitsbeziehungen und übertragen lieber die eigene Verantwortung auf andere. Ständig quält sie die Sorge nicht für sich selbst sorgen zu können und von anderen Menschen verlassen zu werden oder hilflos zu sein (dependente/asthenische/abhängige Persönlichkeit). Dann wiederum gibt es Menschen die in ihrem passiv-aggressivem Verhalten sehr auffällig sind. Die Negativität in ihrer Einstellung wird dabei besonders augenscheinlich. Stets fühlen sie sich zu sehr in die Pflicht genommen und hegen einen passiven Widerstand gegen ganz normale Anforderungen z.B. in der Schule, im Studium oder Beruf und fühlen sich schnell und oft ungerecht behandelt. Dadurch wird eine permanente Abwehrhaltung gegenüber der Umwelt eingenommen, die dazu führen kann dass die Person nicht sehr lernfähig und eigenständig wird. Wie können diese Menschen mehr aktiv werden und ihre Aggressionen produktiv statt destruktiv einbringen? (passiv-aggressive bzw. negativistische Persönlichkeit).

Diese Fragen können nicht in diesem Beitrag beantwortet werden, aber sollen anregen sich mit dem Themengebiet näher auseinanderzusetzen zum Beispiel über die ausführlichen Wikipedia-Artikel, Lexikonartikel, psychologische Fach- und Ratgeberliteratur und -zeitschriften und über die inzwischen diversen oft sehr informativen Selbsthilfe-,Betroffenen-, Angehörigen-Webseiten und Foren im Internet wie z.B. die sehr informative und anregende Seite zu Töchter narzißtischer Mütter. Letztere fördert ein tieferes praktisches Verständnis von Kommunikationssituationen mit weiblich sozialisierten Narzißt_innen. Dabei wird auch offensichtlich, dass so manche Egozentrik auf emotionaler Ebene sich gerne unter dem Deckmantel von „mütterlichem“ Selbstaufopferungs- und (Über-)Fürsorglichkeit-Habitus versteckt. So wird oftmals gerade weiblich sozialisierten Formen von Narzißmen und Egozentrik gar nicht erst oder erst sehr spät erkannt.

Habt ihr noch Tipps für Literatur oder Webseiten zu dem Themengebiet? Dann hinterlasst gerne einen Link über die Kommentarfunktion :-).