Persönlichkeitsstile und -anteile („Persönlichkeitsstörungen“)

》Persönlichkeitsstörungen sind schwere Störungen der Persönlichkeit und des Verhaltens, bei denen bestimmte Merkmale der Persönlichkeitsstruktur in besonderer Weise ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst sind. Sie bezeichnen Erlebens- und Verhaltensmuster aufgrund von Entwicklungsbedingungen in der Kindheit und späteren Lebensabschnitten, genetischen Faktoren oder erworbenen Hirnschäden. Diese Verhaltensmuster weichen von einem flexiblen, situationsangemessenen Erleben und Verhalten in charakteristischer Weise ab. Die persönliche und soziale Funktions- und Leistungsfähigkeit ist meistens beeinträchtigt.《 Quelle: Wikipedia „Persönlichkeitsstörungen“, 02.04.2016.

In der psychologischen Diagnostik existiert die Klassifikation der „Persönlichkeitsstörungen“. In wiefern es sinnvoll ist hier von „Störungen“ zu sprechen ist jedoch sehr umstritten. So halten viele Psychotherapeut_innen es für wenig sinnvoll Menschen als „persönlichkeitsgestört“ abzustempeln. Dieser Stempel suggeriert nämlich auch eine gewisse Starrheit und Unflexibilität in der Persönlichkeit, also auch eine Lernunfähigkeit bzw. eingeschränkte Therapierbarkeit von Patient_innen. Es wird daher auch diskutiert wie sinnvoll es eigentlich ist Patient_innen mit dieser Diagnose zu konfrontieren. Das Problem ist dass durch die Diagnose eine Verunsicherung und schlimmstenfalls eine Resignation und Hoffnungslosigkeit bezüglich der eigenen Therapierbarkeit gefördert werden kann. Daher meiden manche Psychotherapeut_innen sogar gänzlich das Aussprechen der Diagnose einer sogenannten „Persönlichkeitsstörung“ zum Zwecke der besseren Therapierbarkeit. Insgesamt ist davon auszugehen dass im gewissen Maße jede_r Mensch bestimmte Persönlichkeitsstile und -anteile in unterschiedlicher Weise in sich trägt. Auf eine Persönlichkeitsstörung als Mensch komplett reduziert zu werden ist daher auch unmenschlich und fördert nicht das menschliche Miteinander und Verständnis füreinander. Zudem ist es tendenziell sehr gefährlich wenn Menschen möglicherweise bewusst unethische Handlungen auf Ihre Persönlichkeitsstörung schieben und dadurch keine Eigenverantwortung mehr bezüglich ihrer Lebensentscheidungen und zwischenmenschlichen Umgangsweisen treffen. Daher helfen Diagnostiken zwar menschliches Verhalten nachzuvollziehen, aber sie sollten nicht als Ent-Schuldigung gelten für dauerhaftes absichtsvolles Fehlverhalten. Zudem ist auch kritisch zu betrachten, dass nicht-konformes Sozialverhalten schnell das Etikett „gestört“ erhält. Anstatt Kritik aufzunehmen oder sich mit einer kritischen, innovativen und ungewöhnlichen Sichtweise auseinanderzusetzen, werden Menschen lieber schnell als „verrückt“ abgewertet. Oftmals erscheint aber ja ein rein angepasstes konformes Verhalten, das stets auf „Normalität“ bedacht ist, eher als verrückt als wenn Menschen zu ihren (oft nicht selbst verursachten!) Verrücktheiten stehen und sich dabei menschlich, feinfühlig und selbstbewusst zeigen.

Trotz dieser berechtigten Kritikpunkte an dem psychologischen Konstrukt und der Praxis von Zuschreibungen erscheint es mir äußerst sinnvoll zu sein sich mit dem Thema „Persönlichkeitsanteilen/Persönlichkeitsstörungen“ auseinanderzusetzen, gerade auch wenn mensch beruflich oder privat sehr viel Umgang mit anderen Menschen pflegt. Manche Verhaltensweisen haben nicht viel mit der Interaktion selbst zu tun, sondern mit durch Sozialisation und unschöne Erlebnisse bedingten Persönlichkeitsdynamiken, die z.T. zu einem sehr unangemessenem und auffallenden Verhalten führen können. Manchmal ist es dann sinnvoll Abstand zu dem mehr oder weniger extrem unangemessenen Verhalten zu bekommen, um Dinge nicht allzu persönlich zu nehmen, sondern zu wissen: „Das hat mehr mit der Person, als mit mir oder der Situation zu tun! Das ist jetzt eine Projektion.“. Durch diese Reflektionsebene gelingt es manche Dinge nicht allzu persönlich zu nehmen und überzogene Verhaltensweisen mit Abstand und Gelassenheit zu betrachten.

Der Aufbau einer distanzierteren Perspektive ist insbesondere für Angehörige von Personen erforderlich, die sehr extreme Ausprägungen von Persönlichkeitsanteilen in sich tragen. Unter Angehörigen, Partner_innen und Freund_innen finden sich nicht selten ungesunde Co-Abhängigkeits-Beziehungsdynamikem, die es zu reflektieren gilt. Co-Abhängigkeit, Helfersyndrom, Depression und Burnout-Symptomatiken greifen dabei bei Angehörigen öfter ineinander. Selten jedoch gelingt es co-abhängigen Angehörigen zur Einsicht, dass sie selbst therapiebedürftig sind. Sie sollten jedoch über ihrer eigene Therapiebedürftigkeit unbedingt reflektieren, sofern sie Interesse an ihrer psychischen Gesundheit/Genesung und den Aufbau von gesunden zwischenmenschlichen Beziehungen haben. Für Angehörige von Co-Abhängigen wiederum kann es sehr frustrierend und nervenaufreibend sein mit anzusehen, dass diese keine tiefergehende Einsicht und Konsequenzen aus destruktiven, dysfunktionalen Abhängigkeitsbeziehungen ziehen. Dadurch kann eine ungesunde Co-Abhängigkeitsdynamik mit Co-Abhängigen entstehen.

Warum verbleibt ein Mensch über Jahrzehnte bei einem_einer psychisch und physisch gewalttätigen und streitsüchtigen Partner_in (Coabhängigkeit und antisoziale/dissoziale Persönlichkeit)? Warum lässt sich ein Mensch von seine_m extrem misstrauischen Partner_in aufgrund einer fixen paranoiden Eifersuchtsidee kontrollieren und sich in seiner persönlichen Entfaltung und Freiheit nach und nach einschränken (paranoide Persönlichkeit)? Warum verbleiben manche Menschen in anstrengenden und arroganten Macht- und Statuskämpfen im sozialen Kontakt wo eigentlich Empathie und Sensibilität erforderlich und angemessen wäre (narzißtische Persönlichkeit)? Warum gelingt es Personen nicht die Angst vor der Peinlichkeit und eigenen Komplexen im sozialen Kontakt zu überwinden?Durch ihr ängstlich-vermeidenes Verhalten nehmen sie lieber ein sich-selbst-bestätigendes oder-prophezeihendes Versagen in beruflichen und privaten Zusammenhängen in Kauf anstatt an sich selbst zu arbeiten und sich glücklich zu machen (ängstliche oder ängstlich-vermeidende Persönlichkeit). Warum verbleiben Personen äußerst distanziert in einer pessimistischen Einzelgänger_innen-Position und schaffen es nicht ein emotionales inneres Band selbst zu nahestehenden Mitmenschen aufzubauen (schizoide Persönlichkeit)? Warum gelingt es Menschen trotz unzähliger Psychiatrieaufenthalte nicht stabile Beziehungen mit einem ausgewogenen Nähe/Distanz-Verhältnis aufzubauen. Warum bringen sie sich immer wieder in selbstdestruktive Situationen (emotional instabile bzw. Borderline Persönlichkeit)? Warum setzen sich manche Mensch permanent hoch dramatisierend und stilisierend z.B. immer wieder als „Opfer“ einer Situation in Szene, um Vorteile und Aufmerksamkeit aus der Situation zu ziehen (histronische Persönlichkeit und/oder narzißtische Persönlichkeit)? Andere Menschen tragen wiederum einen zwanghaften Perfektionismus und starke Leistungsorientierung in sich inklusive sich-selbst-zermartenden Selbstzweifeln und Gewissenhaftigkeit, Kontrollverhalten, Starrheit, Kühlheit und Unflexibilität im Umgang mit ihren Mitmenschen. Warum gelingt es diesen Menschen nicht Abstand von ihren hohen Ansprüchen und ihrer Strenge mit sich selbst und gegenüber anderen Menschen zu gewinnen (anankastische/zwanghafte Persönlichkeit)? Warum fällt es anderen Personen wiederum so unglaublich schwer selbstständige Entscheidung in Eigenverantwortung zu treffen? Sie begeben sich lieber in Abhängigkeitsbeziehungen und übertragen lieber die eigene Verantwortung auf andere. Ständig quält sie die Sorge nicht für sich selbst sorgen zu können und von anderen Menschen verlassen zu werden oder hilflos zu sein (dependente/asthenische/abhängige Persönlichkeit). Dann wiederum gibt es Menschen die in ihrem passiv-aggressivem Verhalten sehr auffällig sind. Die Negativität in ihrer Einstellung wird dabei besonders augenscheinlich. Stets fühlen sie sich zu sehr in die Pflicht genommen und hegen einen passiven Widerstand gegen ganz normale Anforderungen z.B. in der Schule, im Studium oder Beruf und fühlen sich schnell und oft ungerecht behandelt. Dadurch wird eine permanente Abwehrhaltung gegenüber der Umwelt eingenommen, die dazu führen kann dass die Person nicht sehr lernfähig und eigenständig wird. Wie können diese Menschen mehr aktiv werden und ihre Aggressionen produktiv statt destruktiv einbringen? (passiv-aggressive bzw. negativistische Persönlichkeit).

Diese Fragen können nicht in diesem Beitrag beantwortet werden, aber sollen anregen sich mit dem Themengebiet näher auseinanderzusetzen zum Beispiel über die ausführlichen Wikipedia-Artikel, Lexikonartikel, psychologische Fach- und Ratgeberliteratur und -zeitschriften und über die inzwischen diversen oft sehr informativen Selbsthilfe-,Betroffenen-, Angehörigen-Webseiten und Foren im Internet wie z.B. die sehr informative und anregende Seite zu Töchter narzißtischer Mütter. Letztere fördert ein tieferes praktisches Verständnis von Kommunikationssituationen mit weiblich sozialisierten Narzißt_innen. Dabei wird auch offensichtlich, dass so manche Egozentrik auf emotionaler Ebene sich gerne unter dem Deckmantel von „mütterlichem“ Selbstaufopferungs- und (Über-)Fürsorglichkeit-Habitus versteckt. So wird oftmals gerade weiblich sozialisierten Formen von Narzißmen und Egozentrik gar nicht erst oder erst sehr spät erkannt.

Habt ihr noch Tipps für Literatur oder Webseiten zu dem Themengebiet? Dann hinterlasst gerne einen Link über die Kommentarfunktion :-).

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2 Kommentare

  1. Zoé, la Française · April 3, 2016

    Vielen lieben Dank. Dein Beitrag kommt wie gerufen. Ich erkenne darin einige Bewohner meines Arbeitsplatzes.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. evanjulian · April 3, 2016

    Das freut mich sehr dass mein Beitrag gerade passend kommt :-). Liebe Grüße, EJ

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