Therapeutischer Spaziergang

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Im Kinofilm „Mahler auf der Couch“ (2010) wird dargestellt, dass bereits Sigmund Freud seine Patient_innen nicht nur auf der Couch behandelte, sondern auch bei ausgedehnten therapeutischen Spaziergängen.

Im Unterschied zum geschlossenen Raum mit Stühlen, Sesseln oder Couches hat die Natur als therapeutischer Raum einige Vorzüge:

1. Frische Luft sorgt für eine optimale Sauerstoffzufuhr bei Gesprächen. Mal richtig durchatmen und Luft holen können!

2. Natürliches Licht kann Stimmungen verändern und einen Realitätsbezug befördern. Wer sich tage- oder wochenlang nur in geschlossenen Räumen aufhält kann schneller sich in destruktive Gedankengänge und in negativen oder angstbesetzte Stimmungen verlieren.

3. Bewegung bringt Gedanken, Ideen und Emotionen „in Schwung“. Insbesondere bei Personen mit Depressionen kann ein Spaziergang eine antidepressive belebende Wirkung erzielen. Aggressionen können zudem potentiell abgebaut werde. Bevor ein Mensch verbal oder physisch einen anderen Menschen oder eine Sache angreift macht die (Selbst-)Empfehlung: „Geh‘ doch lieber mal einmal um den Block!“ sicher Sinn. Auch Menschen, die insgesamt sich mehr bewegen möchten, kann durch Spaziergänge aufgezeigt werden, dass mit ganz wenig Aufwand es möglich ist sich täglich für 30 bis 90 Minuten zu bewegen. Spaziergänge können der niedrigschwellige Einstieg in die sportliche Aktivität sein. Der allgemeinen gesellschaftlich und gesundheitlich relevanten Bewegungsarmut kann somit bewusst entgegen gesteuert werden, die u.a. eine Ursache für Herz-Kreislauf sowie Gefäßerkrankungen sein können.

4. Die grüne Naturumgebung und das Zwitschern von Vögeln kann eine beruhigende Wirkung entfalten. Selbst in der Stadt finden sich grüne Orte wie ausgedehnte Parks, Wege in Gärtenanlagen und Wege an Flüssen. Insbesondere Menschen mit Ängsten, innerer Unruhe und Nervosität können Spaziergänge als wohltuend empfinden. Auch Personen mit einer Arbeitssucht oder Burn-Out Problemen können lernen ihre Umgebung in all‘ ihren Farben stärker in den Fokus ihrer Wahrnehmung zu nehmen. Das potentielle Schwarz/Weiß-Denken wird ausgehebelt. Der Scheuklappenblick auf Leistung kann eine Weitung erfahren. In der Natur zu sein, einfach innezuhalten und „da zu sein“ statt den Zwang zu erleben etwas leisten zu müssen, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Auch der Erschöpfungsdepression des Burnouts kann durch regelmäßige kraftspendende Gesprächs-Spaziergänge entgegengewirkt werden. Jeden Tag ein kleiner „Kurzurlaub“ vom Alltagstrott. Krafttanken bei einen wohltuenden Gespräch in der Natur. Das Hamsterrad durchbrechen, sich eine Pause bewusst nehmen und gönnen. Endlich Zeit zur Reflexion und zu einem „zu-sich-Selbst-Kommen“, den eigenen Körper mit Bedürfnissen wieder wahrzunehmen anstatt grundlegende Bedürfnisse jenseits von Arbeit und Leistung zu unterdrücken und nicht nachzugehen. Den verlernten Genussmodus wieder neu erlernen und entdecken. Auch ein kurzer Spaziergang in den Arbeitspausen kann für einen frischen Kopf und neue Ideen sorgen, wenn mensch den Wald vor lauter Bäume nicht mehr sehen kann.

5. Auflockerung der therapeutischen Situation: Eine klassische Therapiesituation kann durchaus beängstigend, fordernd und unangenehm sein. An sich selbst zu arbeiten und sich zu reflektieren kann anstrengend sein. Ein Spaziergang lockert die Situation auf, schafft möglicherweise eine vertiefte Vertrauensbasis. Dadurch kann ein wohltuender Humor oder eine Leichtigkeit bei Menschen potentiell gefördert werden ohne dass Probleme dabei geleugnet oder nicht ernst genommen werden würden. Die ganz eigene Alltagskomik kann bei Betroffenen auch in tragischen und dramatischen Momenten aufkommen und eine Selbst-Distanzierung zu Ereignissen fördern.

6. Spaziergänge können zudem die Kommunikation in Partnerschaften, Familien und Freundschaften fördern. Besteht ein Kommunikationsmangel so erscheint ein gemeinsamer Spaziergang gut um ins Gespräch zu kommen. Das Smartphone, der Fernseher oder andere unliebsamen Gegenstände haben keinen Platz in diesen 60-90 Minuten.

Spaziergänge können präventiv sowie therapeutisch bei psychischen und somatischen Probleme eingesetzt werden. Sie fördern eine Distanzierung vom Alltagsgeschehen und tragen zur Bewältigung vom emotionalen Stress bei. Allerdings ist wichtig, dass der therapeutische Schutzraum nicht aufgegeben wird, daher Strecken gewählt werden, in denen in Ruhe und ohne Beobachtung Dritter gesprochen werden kann. In manchen sehr emotionalen Situationen macht es Sinn die Gesprächssituation schließlich im Sitzen fortzusetzen. Nachteil ist auch dass die Methodik wetterabhängig ist. Auch wenn ein Spaziergang im leichten Regen unter dem Schirm sehr erfrischend sein kann, so muss bei Starkregen und Gewitter der Spaziergang unterbrochen werden. Sei denn es handelt sich um eine Konfrontationstherapiesitzung für Gewitterphobiker_innen ;-).

Gewitterjahreszeit (2016).

Meine Schritte werden schneller.

Mein Atem auch.

Es grummelt.

Es ist nicht mein Magen.

Kommt von oben.

Mein Blick ist gesenkt.

Noch einen halben Kilometer zu Fuß.

Gleich habe ich es geschafft!

Über den Weg zurück möchte ich nicht nachdenken.

Aber vielleicht ist es später vorbei.

Morgens und abends kommst du.

Unberechenbar.

Mit aller zerstörerischer Gewalt ziehst du herauf.

Ursache für umgekippte Bäume und abgebrannte Häuser.

Lässt mich erstarren.

„Stell‘ dich nicht so an!“

Der Umgang mit Phobiker_innen ist nicht minder gewaltsam.

Auf dich mag ich „hysterisch“ wirken.

Aber du hast keine Ahnung von Angst und Panik.

Gefühle, die sich schwer steuern lassen.

Eingespeichert im Körper.

Schweißausbruch.

Erhöhter Puls.

Die Atemfrequenz steigt.

Das Schutz- und Vermeidungsbedürfnis ebenso.

Gedanken kreisen im Scheuklappenblick nur um dich.

Umgeben von sorglosen Menschen oder zwangsweise gefangen in einer Gruppe steigert sie sich.

Die Angst.

Nicht nur davor.

Auch als „unnormal“ zu gelten.

Die mangelnde Fähigkeit zur Ignoranz.

Macht mich auffällig.

Verletzbar.

Erfüllt von Scham.

Den Tränen nahe.

Wütend.

Deine Blitze trafen mich unerwartet.

Meine Coolness und Stärke ist dahin.

Du lässt mich schmelzen und weich werden.

Die Angst verletzt zu werden steigt auf.

Im Wartemodus gefangen.

Bin ich deiner unberechenbaren Lust(-losigkeit) ausgeliefert.

Versuche die Kontrolle zurückzubekommen sind zwecklos.

Ambivalente Gefühle lassen sich nicht bezwingen oder unterdrücken.

Auch zum Selbstschutz nicht.

Weh tun wird es sowieso.

Da muss ich wohl mal wieder durch.

Sommerzeit ist Gewitterjahreszeit.

Morgens und abends.

Du bringst frischen Wind.

Das schwüle Wetter wird erträglicher durch dich.

Du bezwingst die Menschen sich in ihre Höhle zurückzuziehen.

Nur wenige Furchtlose bleiben draußen stehen und schauen dir sogar fasziniert zu.

Ältere pflegen manchmal sogar noch ihren Notfallkoffer unter ihrem Bett.

Jüngere beobachten den minütigen Verlauf der Gewitter dagegen mittels der Wetter-App und Gewitterwebseite.

Stets vorbereitet.

Berechenbar wirst du.

Buchrezension: „Mein Sohn hat ’ne Schildkrötenunterfunktion“

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Brumshagen, Petra; Petersmann, Nina (2016): Mein Sohn hat ’ne Schildkrötenunterfunktion. Mitgehört in Deutschland. Ullstein: Berlin. 139 Seiten. 9,99Euro.

Während meines 4tägigen Krankenhausaufenthalts hat mir der Lieblingsmensch an meiner Seite ein Buch mitgebracht das mein tristen Kranksein-Alltag versüßte: Eine lockerleichte Lektüre der „Komödien des Alltags. Mitgelauscht und mitgeschrieben“ (Klappentext). Es erinnert mich etwas an eine Praxis, die ich noch aus Schulzeiten kenne: Da wurden besonders lustige Lehrer_innen/Schüler_innen-Aussagen mitgeschrieben, um sie in der Abiturzeitung zu veröffentlichen. Urkomisch!

Die beiden Autorinnen haben Alltagsgespräche im Zug, im Café und Supermarkt aufgeschnappt und anonym dokumentiert. Alltagsabsurditäten, ungewollte Versprecher und Missverständnisse werden als Witze in Kurzform thematisch sortiert in acht Kapiteln dargelegt. Jedes Kapitel enthält einleitende Worte zu den thematisch gesammelten Witzen. Themen sind: „Too much information“ (9-16), „Die lieben Kleinen“ (17-28), „Verhört, verwechselt und versprochen“ (29-53), „Wenn Welten aufeinanderprallen“(55-69), „Überraschende Argumente, verblüffende Wendungen“ (71-87), „Prioritäten, Regeln und Wahrnehmungen“(89-104), „Mit erhobenem Zeigefinger“ (105-121) , „Lustig, peinlich, ungewöhnlich“ (123-140).

Ich habe oft sehr herzhaft lachen müssen und war fasziniert davon in wie vielen verschieden Städten die Gespräche inklusive Dialektfärbung aufgegriffen und dokumentiert wurden. Manches klingt so absurd zum Brüllen, dass ich schon fiktive Anteile im Buch vermutete. Aber ich fürchte: Das ist tatsächlich alles so passiert!

Eine perfekte Lektüre zur Vertreibung von Langeweile bei langer Krankheit. Alltags-Humor erscheint mir auch ein gutes Mittel zu sein um trübe Gedankenschleifen zu durchbrechen. Daher kann ich das Urteil: Uneingeschränkt empfehlenswert vergeben! „Chapeau!“ an die beiden Autorinnen, die als Redakteurin/Autorin und Produktionsmanagerin arbeiten.

Genügend gelebt? (2016)

„Wir müssen noch anhand ihres Arterienblutes prüfen ob Sie auf die Intensivstation müssen!“

Im Angesicht von schwerer Krankheit und Tod hatte ich keine Angst zu sterben.

Sondern die Frage drängt sich in einem plötzlichen Moment auf: „Habe ich genügend gelebt, um jetzt zu sterben?“

Traurig und glücklich beantwortete ich die Frage mit: „Ja! Ich habe Spaß erlebt, habe Verliebtheit und Liebe gelebt und Freundschaften erfahren, habe eine tolle Arbeit gemacht die mir Spaß bereitet hat und habe meine Träume verfolgt! Ja, ich könnte ruhig sterben und wäre zufrieden mit meinem Leben!“

Dennoch ziehe ich es vor weiter zu leben, wenn ich denn darf.

Oh, messerstechender Schmerz – endlich bist du fort! Die Zeit fühlt sich unendlich an unter Schmerzen und Leid.

Das Leben unbeschwert genießen – was für ein Traum für die schmerzerfüllten Personen!

Langsam kann ich die Umgebung um mich herum wieder wahrnehmen, der Fokus ist nicht mehr nur Schmerz. Jede Kleinigkeit kann ich genießen, die für andere als Banalität erscheint.

Glück im Unglück gehabt! Ich lebe. Und die Schmerzen schwinden auch nach und nach.

Welche Risiken gehe ich demnächst ein?
Wie sehr wird Angst meinen Alltag bestimmen?
Oder inwiefern ermutigt es mich noch mehr meine Lebensträume zu verfolgen und jeden Moment des Lebens zu genießen und bewusster zu leben?
Aber auch auf mich Acht zu geben?
Die Prioritäten verschieben sich im Krankheitsfall so heißt es – die Gesundheit steht an erster Stelle.
Aber eben auch trotzdem auch Risiken einzugehen – um zu leben!
Eine Herausforderung für den Alltag.
Das Leben ist zu kurz, um es unbewusst zu leben.