Filmrezension: Lou Andreas-Salomé

Trailer:

Derzeit läuft in den Programmkinos ein besonderes Highlight von Biografieverfilmungen, welches ihr nicht verpassen solltet.  Es handelt sich um die Biografie der Schriftstellerin, Intellektuellen und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, die u.a. Philosophie und Religionswissenschaft studiert haben soll.

In ihrer Familie wächst sie mit streng protestantischen Idealen auf. Lou versucht sich der Enge ihrer Erziehung zum „Mädchen“ und zur „Frau“ zu entziehen, die lediglich die Rolle von Ehefrau, Hausfrau und Mutter vorsieht. Sie fällt durch rebellisches gendernonkormes Verhalten in der Kindheit auf und es gelingt ihr sich ihre Freiheiten zu nehmen und sich den strengen Regeln zu entziehen. Ihr Vater scheint sie dabei gewähren zu lassen – es entsteht eine enge Bindung zu ihm. Der Tod ihres Vater mit 16 ist ein schmerzhaftes Ereignis. Schließlich findet sie eine erfüllende intellektuelle Beschäftigung im Studieren von philosophischen Büchern. Hierbei steht ihr der wesentlich ältere protestantischen Pastor Gillet als eine Art Lehrer zur Seite. Dieser gibt ihr schließlich den Namen „Lou“. Dieser verfolgt allerdings noch ganz andere Interessen, bedrängt sie und macht ihr schließlich einen Heiratsantrag, obwohl er Frau und Kinder hat. Es bleibt unklar ob auch Lou sich in diesen Mann verliebt hat oder nicht – so wird suggeriert, dass sie sich auch verliebt habe, aber über ihre anziehende Wirkung überrascht war und es nicht zulassen konnte oder wollte. Im Film wirkt Lou an der Stelle noch äußerst kindlich vom Erscheinungsbild – das Alter wirkt unklar, aber es ist zu vermuten dass sie bereits 18 Jahre alt ist. Mir persönlich stieß die Szene auch eher als eine sexuell belästigende und missbräuchliche Szene ins Auge. Vermutlich sucht Lou in dem Pastor eher einen Lehrer und eventuell auch eine Vater(ersatz)-Figur als einen potentiellen Partner und Ehemann. Danach schwört Lou, so der Film, den erotischen und emotionalen Dingen ab, sie beschließt nie zu heiraten und sich somit von einem Mann abhängig zu machen. Sie möchte sich ganz den geistigen Dingen zuwenden.

Sie vertieft sich an der Universität von  Zürich (eine von wenigen die damals Frauen aufnahm) ins Studium der Philosophie und Religionswissenschaft. Sie erleidet dann eine schwere Erkrankung an der Lunge mit Bluthusten, vermutlich eine Lungenembolie.

Kommt nun in Kontakt mit Friedrich Nietzsche und Paul Rée in Italien. Auf einem Bootsausflug schlägt sie beiden vor eine Wohn- und Intellektuell_innengemeinschaft in Berlin zu gründen. Nietzsche zeigt sich über ihre Unkonventionalität überrascht, die er allerdings auch als naiv bewertet. Denn zu dieser Zeit werden alle außerehelichen Lebensgemeinschaft sanktioniert. Zudem hinterfragt Nietzsche die anti-sinnliche Haltung von Lou.

In einem Fotoportait wird Lou mit einer Peitsche auf einem Wagen mit den beiden Männern dargestellt – eine Anspielung auf einen antiken Mythos. Zudem auch eine Anspielung auf feminine Dominanz im Sinne von BDSM. Im Film schlägt sie spielerisch auf Nietzsches Hintern, dem es sichtbar gefällt. Das Foto sorgt für Empörung, Abscheu und Eifersucht bei einem weiblichen Familienmitglied von Nietzsche, der in einer pastoralen Familie aufwuchs.

Verschiedenste in sie vernarrte Männer versuchen ihr einen Heiratsantrag zu machen: Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Paul Rée und schließlich der Orientalist Friedrich Carl Andreas. Im Film wird sie als unnahbare „Femme fatale“ dargestellt, die die intellektuellen Männer reihenweise ablehnt und ins Unglück stürzt: Der um einiges ältere Friedrich Carl Andreas begeht vor ihren Augen sogar einen emotional erpresserischen Selbstmordversuch, um sie zur Scheinehe zu bewegen. Allerdings verspricht sich auch er mehr von der Ehe, belästigt sie sexuell, aber sie geht darauf nicht ein. Davon ist sie sichtbar schockiert. Mit ihm lebt sie schließlich in Berlin und hat regen Kontakt in intellektuelle und poetische Kreise.
Durch ihr Werk „Der Kampf um Gott“, das sie unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht, erhält sie Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit vom Elternhaus.

Rilke lernt sie zuvor bereits in München kennen – allerdings hat er ihr bereits vor dem Treffen etliche Briefe geschrieben von denen sie sich sowohl geschmeichelt als auch empört gefühlt zeigt. Sie seien „zu blumig“. Gleichzeitig wird sie als diejenige dargestellt, die Rilke Türen zum Erfolg eröffnete.

Die Unnahbare als die sie sich präsentiert ist sie aber dann doch nicht, so führt sie eine heimliche dreijährige Liebschaft zu Rainer Maria Rilke. Sie sagt im Film sie könne sich auf ihn einlassen, weil er eine stark feminine und emotionale Seite habe und dadurch anders als die anderen Männer sei. Dieser sei zwangsweise von der Mutter aufgrund einer Nichtbewältigung einer Fehlgeburt femininisiert worden. Ein sehr ungewöhnliches und daher interessantes Detail aus Rilkes Biografie. Sehr berührt hat mich auch der Satz von Lou an Rilke bzw. dem Biografen Pfeiffer, dass doch jede_r Mensch eine feminine und maskuline Seite in sich trage und diese leben sollte. Rilke wird als traumatisiert dargestellt, zudem hat er Halluzinationen in seinen Angstzuständen – Lou bittet ihn sich professionelle Hilfe zu suchen. Die Beziehung Rilke scheint symbiotisch: Er scheint emotional abhängig von ihr. In der Trennungsszene sagt Lou, dass er nicht ohne sie atmen könne und sie mit ihm nicht atmen könne. Zudem soll Lou noch weitere erotische Bekanntschaften gehabt haben – aus einer sei ein uneheliches Kind entstanden, das verheimlicht wird. Dieses Kind übernimmt später eine Rolle der aufopferungsvollen Haushälterin und Pflegerin, eine auffallend ungesunde symbiotisch-abhängige Mutter/Tochter-Beziehung. Es lässt sich nur erahnen, dass die Tochter kein einfaches Leben im verleugneten Schatten ihrer Mutter gehabt haben muss. Aber das Kind übernimmt die Erwartungshaltungen ihrer Mutter und möchte angeblich nicht einmal in der Autobiografie erwähnt werden. Der Film verdeutlicht dass biografische Narrative Akte der Selektion, der Verleugnung, der Verdrängung und der Zerstörung nicht-normativer Anteile sind. In der Gefahr der Nationalsozialist_innen, die Psychoanalytiker_innen als Ausübung von „jüdische Wissenschaft“ verfolgten, verbrennt Lou Tagebücher, Briefe etc. Zudem erwähnt sie als ältere Frau, die dem Biograf Pfeiffer ihre Lebensgeschichte diktiert, welche Passagen ausgelassen werden sollten. Dieses Szenario zwischen Lou und Pfeiffer bildet schließlich die Rahmenerzählung im Film.

Die Begegnung mit Sigmund Freud erhält leider nur wenig Raum in dem Film. Anstelle der Ausdehnung ihres Liebeslebens hätte ich es spannender gefunden im Film noch mehr zu ihr als Psychoanalytikerin zu erfahren – sowohl als Autorin als auch als Therapeutin. Im Film wird hauptsächlich neben Studienszenen eine therapeutische Szene mit Freud gezeigt, bei der er sie als Prototyp der Narzißtin kategorisiert. Angesichts der sozialen Umstände der Zeit erscheint es jedoch auch als Anmaßung Rebellion, Emanzipation und Unabhängigkeitswunsch als „Narzißmus“ zu deuten – m.E. allenfalls als ein gesundes Selbstbewusstsein in einer ungesunden Zeit/Gesellschaft. Aufgrund des frühen Verlustes ihres Vaters habe sie, so Freud im Film, eine Bindungsunfähigkeit und emotionale Kühle und Abgeklärtheit entwickelt. Nur im Nachtext des Filmes wird auf ihr heute noch bedeutendes Werk des „positiven Narzißmus“ bzw. der Doppelrichtung des Narzißmus hingewiesen. Ein Werk dass in der Kindle-App (im Playstore kostenfrei und ohne Registrierung erhältlich) mit Verknüpfung von Amazon übrigens derzeit kostenlos downloadbar ist und ich eventuell demnächst hier im Blog rezensieren werde. Auch hätte die Strenge des religiösen Elternhauses noch deutlicher werden können. Eine Szene, die auch im Trailer zu Beginn vorkommt, ist hier allerdings sehr einprägsam als sie in der Kirche fragte ob Gott auch in der Hölle sei. Hier sind auch die Anspielungen mit Gott (bzw. Sigmund Freud-Gott) als Projektion der kindlichen Phantasie sehr gelungen.

Insgesamt kam ich sehr inspiriert und angeregt aus dem Film. Ich habe Lust bekommen mich mit ihrer Biografie und ihren Werken nun auseinandersetzen zu wollen. Ich bin jetzt recht „angefixt“ und bin auch sehr überrascht über die Überschneidung einer Themenvielfalt (Religion/Religionskritik in Sozialisation, Emanzipation, Gendernonkonformität, Philosophie, Religionswissenschaft, Psychologie, Narzißmus, unkonventionelle Lebensformen etc.) mit eigenen Interessen und biografischen Erlebnissen (wie z.B. Lungenembolie) in diesem Film. Daher kann ich hier nur eine Empfehlung aussprechen :-).

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