Internationale Medienkunstausstellung: „WILD – Transgender and the Communities of Desire“ (06.04.-18.06.2017 im Edith Russ Haus in Oldenburg)

Foto: EJ Tolksdorf, Mai 2017

Am letzten Sonntag war ich mit einer Gruppe von Menschen in einer sehr empfehlenswerten Medienkunst-Ausstellung in Oldenburg. Hierbei werden u.a. „Stimmen, Strategien und Perspektiven von transgeschlechtlichen Menschen“ (Infoheft zur Ausstellung) dargestellt. Für 2,50Euro (am Tag der Museen und am Tag des CSD Nordwest am 17.Juni 2017 kostenfreien Eintritt) erhalten die Besucher_innen Zugang zu fünf komplexen und mehrdimensionalen Kunstwerken bzw. Kunsträumen. Im ersten Raum wird eine 16minütige Videoinstallation von Pauline Boudry & Renate Lorenz gezeigt, in der ein_e Protagonist_in verschiedene Stimmen von Transmenschen wiedergibt u.a. die der weltweit bekannten Whistleblowerin Chelsea Manning. Und der Punk-Autorin Kathy Acker, die das Plagiieren als bewusste literarische Technik anwandte. Beide wurden für Ihr Handeln verklagt, was weltweite Diskussionen ausgelöst hat. Gegenüber wird ein fotografisches Werk von Zanele Muhali gezeigt. Es enthält tief beeindruckende schwarz/weiss Bilder von südafrikanischen Transmännern und Menschen, die „female masculinity“ (Jack/Judith Halberstam) leben. Es sind keine lächelnden Gesichter oder Opferrepräsentationen, sondern es werden Menschen mit rauher bis feiner Stärke und stummer Mimik nach außen gezeigt. Die Verletzlichkeit ist erahnbar, aber sie bleibt dem_der Zuschauer_in verborgen. Durch die Museumsführung wird der südafrikanische Kontext als im rechtlichen Rahmen fortschrittlich, aber im praktischen Alltag als nach wievor überwiegend homo- und transphob dargestellt. Im Infoheft wird geschrieben, dass es bei diesen Bildern um eine „Würdigung des Kampfes (…) um selbstbestimmtes Leben“ (Infoheft zur Ausstellung) geht.  Zu diesen Portraitbildern mit dem Titel „Faces and Phases“ gibt es auch einen Bildband, den ich mir unbedingt einmal anschauen möchte. Gut an diesem Kunstwerk ist nicht nur der südafrikanische Kontext der Bilder, sondern auch dass hier nicht-weiße Personen im Kontext von transgender und queerer Ausstellungskunst gezeigt werden. Dieses wirkt entgegen der Überrepräsentanz von weißen Personen bei. Die unterrepäsentierte Gruppe der Menschen, die trans masculinity oder female masculinity leben, erhält durch diese Ausstellung auch breite Sichtbarkeit durch den „Tag der Museen“, der ein breites Publikum heterosexueller Cisgender Personen (Cisgender = Personen ohne Bruch oder Nicht-Konformität im Gender; Nicht-Transgender) anzieht.

Etwas gewöhnungsbedürftig empfand ich die Installationen von Johannes Paul Raether „Transformellae“ (Mixed Media). Am interessantesten waren die parallelen Identitätsverläufe. Dann gab es noch Bilder zu einer nonbinären cyborgartigen Performance im Ikea-Unternehmen und Installationen im Raum inklusiver akustischer Medien, die auch als Performance verstanden wurden.

Zutiefst beeindruckt und für meinen Blog thematisch interessant war die 35minütige 3-Kanal HD Videoinstallation von der irischen Künstlerin Doireann O’Malley von 2017 mit dem Titel „Prototypes“. Hierbei werden Menschen „in verschiedenen Stadien ihrer geschlechtlichen Transformation“ (Infoheft zur Ausstellung) gezeigt. Drei Frau-zu-Mann transidente Personen werden gezeigt. Der Rahmen bildet eine tiefenpsychologische Traumanalyse, so die Museumsführerin. Im Film geht es dabei nicht um um Gender, sondern auch um Begehren und Körpererleben. Körperlichkeit wird hierbei mir architektonischem Raumerleben in Verbindung gebracht, so die Museumsführung. Was die Museumsführung nicht erwähnt ist das hier auch u.a. schwules Transmannbegehren gezeigt wird. Da oft in Medien eher heterosexuelle Transmänner repräsentiert werden, ist dieses eine hervorzuhebende Besonderheit dieses Films, der mit unterschiedlichen Sequenzen gleichzeitig auf drei Leinwänden abgespielt wurde. Die tranceartige Musik und die meditative Bildästhetik läd zu einem traumartigen Zustand ein. Bewegend sind die Äußerung des Nicht-Artikulieren/Praktizieren-Könnens eines sexuellem Begehren bei einem prä-hormonellem und prä-operativen Transmann im psychotherapeutischem Traumanalysekontext. Dieser wird zwar mit mittellangen zurückgegelten blonden Haaren gezeigt, sein Auftritt ist aber bereits sehr androgyn, seine Stimme sehr tief und bereits maskulin. Diese Darstellungsweise tritt der überrepräsentierten stereotypen Darstellungsweise von sensationserheischenden Vorher/Nachher-Bildern entgegen. Es gibt keinen binäre „GeschlechtsUmwandlung“ von Frau/Weiblichkeit zu Mann/Männlichkeit, sondern eine Geschlechtsanpassung von Menschen, die bereits gendernonkonform auftreten und deren Männlichkeit im Sinne von „female masculinity“ bereits prä-operativ und – hormonell deutlich erkennbar ist. Sofern mensch offen ist für diese Art von Genderwahrnehmung des zwischen- und transgeschlechtlichen Ausdrucks ist kann dieses wahrgenommen werden jenseits des binären Geschlechterwahrnehmungsfilters. Diese Nicht-Artikulation wird u.a. durch die doppelte und übergroße Traumrepräsentation einer rausgeschnittenen Zunge symbolisiert. Zwei Schnecken, die sich annähernd begegnen, werden in Detailaufnahme gezeigt. Sie repräsentieren nicht nur das Zwischengeschlechtliche, sondern auch das unsichtbare und nicht-sprachlich adäquat ausdrückbare Begehren von Zwischen-/Transgeschlechlichen gegenüber Zwischen-/Transgeschlechtlichen. Dem gegenüber steht eine Cruising-Szene, in der schwules Begehren von post-operativen Transmann zu Cismännerm oder unter Transmännern gezeigt wird. Hierbei wird nicht weiche, sondern harte Männlichkeit repräsentiert. Denn der Transmann zeigt sich in Posen harter Maskulinität und in der Ästhetik von linker bis unpolitischer Skinhead-Kultur mit roten Schnürsenkeln bekleideten Springerstiefeln, Jeans, Poloshirt und Hosenträgern im laufe des Films. Beeindruckend ist auch die Darstellung der androgynen Dandy-Männlichkeit des_der Psychotherapeut_in. Hier ist ein Kontrast zu den harten Maskulinitätsposen zu sehen: Die Person trägt Kajal und einem Schönheitsfleck, kleidet sich im Anzug-Schick der 20er bis 30er Jahre. Also Psychotherapeut_in stellt si_er empathische und eindringliche Fragen, die zum Erzählen motivieren. Die Gesichtszüge und das Auftreten wirken weich. Hierbei wird auf eindrucksvolle Weise gezeigt dass Männlichkeit nicht nur hart, sondern auch weich agieren kann. Und dass Maskulinität auch feminine Züge haben kann, also nonbinär sein kann.

Das fünfte Werk ist unterteilt in verschiedene Werke eines Gesamtwerkes. Es ist von Chris E.Vargas und bennt sich „The Museum of Transgender Hirstory & Art“ (MOTHA). Hierbei handelt es sich um eine imaginäre Vision und Virtualität eines Transgendermusuems. Das Museum existiert also fiktiv und virtuell und gleichzeitig auch räumlich durch den Ausstellungsraum. Auf parodistische und kritischer Art wird begründet, dass ein solches Museum der Unterrepräsentation von Transgender-Geschichte in Museen entgegenwirken würde. Das Museum wird als genauso imposant architektonisch visuell dargestellt wie andere Museen. Ziel von MOTHA sei „den Anteil von Transgender-Personen sowohl an Geschichtsschreibung und Kunst/Kulturproduktion sichtbar zu machen“ (Infoheft zur Ausstellung). Im Austellungsraum wird eine Collage gezeigt mit verschiedenen bekannten und populärer Personen, die dem Transgenderspektrum im ganz weitem Sinne zugerechnet werden. Hierunter wird u.a. auch Charlie Brown, Chelsea Manning, Della Grace Volcano, Grace Jones etc. gezeigt. Ein weiteres Bild daneben zeigte eine Nummerierung der Bilder mit Namen, so dass die namentliche Zuordnung vollzogen werden konnte im klassisch musealen Stil. Eine Ausstellungsbesucherin fragte ob es nicht kritisch zu sehen sei da es die Gefahr eines Fremdoutings beinhalten könnte und somit eine „Beschuldigung“ beinhalten konnte. Eine andere Besucher_in widersprach ihr und sagte dass es eher um eine Kollektion von persönlichen Held_innen („Hiroes“) der Transgender-Geschichte gehe des Künstlers gehe. Abgesehen davon handelt es sich insbesondere um Personen der Öffentlichkeit, die offen oder indirekt mit ihrer Nicht-Konformität umgegangen sind. Ein weiteres Bild enthielt eine Collage von Zeitungsheadlines zum Thema „Transvestism in the News“. Dann zeigte drei Videos parodistisch-satirische Ansprachen des Geschäftsführers von MOTHA. Ein PC ermöglichte den Zugang zum virtuellen MOTHA-Museum der Webseite (http://www.sfmotha.org). Den 57minütigen Film „Screaming Queens: The Riot of Compton’s Cafeteria“ (US 2005) von Susan Stryker und Victor Silverman wurde hier zudem gezeigt. Es handelt sich dabei um eine Doku über Transfrauen und Drag Queens, „die sich 1966 gegen die Polizeischikane in Compton’s Cafeteria im Viertel Tenderlohn in San Francisco zur Wehr setzen“ (Infoheft zur Ausstellung). Leider konnte ich den Film aus Zeitknappheit nicht mehr sehen. Mir wurde aber gesagt er sei empfehlenswert und dass dieser auch auf der MOTHA-Webseite virtuell zugänglich sei. Aber eventuell fahr ich auch noch ein zweites Mal zur Ausstellung ;). So werde ich diesen nochmal in Ruhe anschauen und bei Gelegenheit hier nochmal ergänzend in diesem Blogeintrag zu ’nem späteren Zeitpunkt kommentieren.

Bilder zur Ausstellung wurden auf der Homepage und der Facebookseite des Ausstellungsortes veröffentlicht. Hier könnt ihr bei Interesse einen ersten Einblick erhalten: 

http://www.edith-russ-haus.de/ausstellungen/ausstellungen/aktuell.html
https://www.facebook.com/edithrusshaus/

Also ja: Uneingeschränkt empfehlenswerte Ausstellung! Nicht verpassen 😉.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s